Morgengrauen

Anna schreckte hoch. Es dauerte einen Moment, bis ihr Herz aufhörte, wie wild in ihrer Brust zu schlagen. Sie schaute um sich. Das Mondlicht warf unwirkliche Muster in den Rollenspielraum, der den Kindern heute als Schlafplatz diente. Es war die Nacht von Halloween und die diesjährige Hortübernachtung war der Höhepunkt der Herbstferien gewesen.

Anna hatte schon vor Wochen mit ihrer Mutter an ihrem Kostüm gebastelt. Aus Hunderten von Stofffetzen hatten sie in stundenlanger Arbeit einen zotteligen Werwolfspelz genährt. Mamas alte Handschuhe hatten rasiermesserscharfe Klauen spendiert bekommen. Und Papas Schirmmütze wurde so lange mit Pappe und Stoff zugekleistert, bis sich sogar die Erzieherinnen vor Annas Maske mit den gelben Wackelaugen und den spitzen Zähnen aus Strohhalmen gruselten.

Gestern Abend, als Anna mit den Hortkindern um die Häuser gezogen waren, wurde kein anderes Kostüm so oft von den Nachbarn gelobt, wie das von Anna. Die Menschen an den Haustüren amüsierten sich köstlich und rückten so viele Süßigkeiten heraus, dass Frau Specht und Herr Schöner beim Tragen helfen mussten.

Doch Anna hatte das Gefühl, dass diese Momente eine Ewigkeit zurücklagen. Im Rollenspielraum hing der verbrauchte Duft von Pizza, Gummibärchen – und ein paar Pupsen.

Die Kinder hatten sich unter Häufchen aus Decken und Kissen vergaben und sich kreuz und quer im Zimmer verteilt. Im fahlen Mondschein sahen sie aus wie die letzten Ruhestätten kleiner Pharaonen. In Annas Kopf spukten Bilder von Mumien und gefährlichen Flüchen herum, die in alten Gruselfilmen die Abenteurer in Angst und Schrecken versetzten. Doch so regelmäßig, wie die Körper sich hoben und senkten, konnten in den Schlafsäcken nur Lisa, Piet und Max stecken. Und die schliefen tief und fest und schnarchten um die Wette. Wie sollte Anna bei diesem Lärm ein Auge zu machen?

Anna hatte schrecklichen Durst. Sie griff nach ihrer Brause, die sie an Herr Schöners strengen Blicken aus der Küche vorbeigeschmuggelt hatte, setzte an – und erschrak. Die Flasche war leer! Ihr Verdacht fiel sofort auf Lisa, die schon vor dem Abendessen die ganze Packung Gummifledermäuse allein aufgegessen hatte!

Anna stieß einen Seufzer aus. Lisa kümmerte das nicht. So eine Frechheit!

War da was? Nur aus dem Augenwinkel hatte Anna etwas oder jemanden vor der Glastür stehen gesehen. Ein kalter Schauer krabbelte ihr den Rücken herunter. Langsam drehte sie ihren Kopf zur Seite, um den Ausgang besser im Blick zu haben – doch da gab es nichts Gruseliges zu sehen. Außer ihrer Werwolfsmaske, die dort einsam an einem Haken baumelte und die Zunge herausstreckte.

Anna grübelte. Hatte sie sich vor ihrem eigenen Kostüm erschreckt? Zeit zum Nachdenken blieb ihr nicht, da sich ihr Durst wieder meldete und nach etwas zu trinken verlangte.

Anna schlug die Decke auf und tapste an den Sarkophagen ihrer Freunde vorbei. Sie berührte ihre Maske, um sicherzugehen, dass sie nicht doch zum Leben erwacht war.

Das Knarzen der Tür schallte durch das ganze Haus. Sie hielt inne und lachte. Wecken wollte sie niemanden – selbst Lisa nicht. Im Hort blieb es still.

Dann hörte sie die Spülung! Also war doch noch jemand wach. Vorsichtig stieg Anna die Treppe hinunter und ging ins Badezimmer. Aus dem Wasserhahn sprudelte heißes, dampfendes Wasser heraus. Anna schüttelte den Kopf.

„Wasserverschwender,“ zischte sie und drehte den Hahn zu.

Ein leises Kichern schallte durch die Toilette.

„Hallo? Wer ist da?“ fragte sie in den Raum hinein. Doch niemand antwortete ihr.

Die Tür zum Flur knallte zu. Anna presste die Hände auf den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken.

„Hey du Blödi“, schrie sie und schnaubte vor Wut. Egal, wer sie erschreckt hatte, würde gleich sein blaues Wunder erleben.

Sie riss die Tür auf und musterte den Flur. Niemand war zu sehen. Wo versteckte sich der gemeine Kerl nur?

Durch die kleinen Fenster der Bücherei sah sie ein waberndes Licht. Spielte jemand mit seiner Taschenlampe?

„Na warte“, sprach Anna zu sich und trat hinein. Der Mond war gewandert und fiel auf das hohe Bücherregal in der Mitte des Raumes. Direkt davor hatte jemand eine Pizza gegessen und nur die Ränder übriggelassen.

Anna trat wieder auf den Flur. Eine Windböe schlüpfte durch das offene Oberlicht und ließ sie frösteln. Sie lief weiter und presste ihr Ohr an die Tür des Personalraums. Frau Specht und Herr Schöner schienen tief und fest zu schlafen.

Auf dem Weg ins Erdgeschoss trat Anna in etwas Klebriges und zog schnell den Fuß weg. Der nächtliche Rumtreiber hatte Brause verschüttet und auf die Stufen gekleckert.

Vor dem Speiseraum spiegelte sich der Mond in einer riesigen Pfütze. Jemand hatte den Hahn des Wasserspenders offenstehen lassen. Jetzt tropfte alles auf den Boden und hatte sich seinen Weg über den Flur, vorbei an der Garderobe bis zum Keller gesucht. Anna hielt den Atem an. Die Kellertür stand sperrangelweit offen! Das sah Frau Specht und Herr Schöner gar nicht ähnlich. Alle Kinder im Hort wussten – den Keller war tabu!

Irgendetwas ging hier vor sich. Eine Weile stand Anna regungslos da. Matt und müde – und immer noch durstig. Doch die Neugier packte sie.

Anna betätigte den Schalter und stieg die Treppe herunter. Stufe um Stufe. Das Licht hier war grell und schmerzte in ihren Augen. Doch wenigstens musste sie sich davor nicht gruseln!

In einer Ecke des Flures hatten die Erzieher ein altes Polster, Gartenstühle und Teile eines Rollers geworfen, die nicht mehr zu gebrauchen waren. Auf der anderen Seite wartete der Aufzug, den Herr Fleißig benutzte, um Speisen und Getränke in die Küche zu befördern.

Ein merkwürdiges Geräusch säuselte um die Halogenleuchten an der Decke, die den Flur erhellten. Es brutzelte, dann roch Anna verbranntes Gummi. Die Lampen begannen, wie wild zu flackern.

Die erste Lampe fiel aus. Und dann die zweite. Gleich würde Anna komplett im Dunkeln stehen. Da sah sie, dass die Tür zur Vorratskammer einen Spalt weit geöffnet war und schlüpfte hindurch.

Hier war das Licht angenehm und deutete auf Hunderte von Nudelpackungen, Tomatendosen

und Sprudelwasserkisten, die fein säuberlich in die Schränke sortiert waren. Auf einem Tisch am Ende des Raumes saß ein blasser Junge, kaute eine Gummischlange und ließ die Beine baumeln.

Er lächelte Anna an und sagte: „Oh hallo. Habe ich dich geweckt?“

Annas Augen wurden groß.

Ohne eine Antwort abzuwarten, sprach der Junge: „Ich denke schon. Tut mir leid.“

„Schon in Ordnung“, traute sich Anna vor. „Was machst du hier? Kannst du nicht schlafen?“

„Vater hat gesagt, ich soll mich verstecken, wenn ich mich verlaufe. Dann kommt er mich holen. Aber ich warte schon so lange auf ihn“, sagte der Junge.

„Das ist aber ein komischer Ort zum Verstecken. Weißt du nicht, dass Kinder hier unten nichts verloren haben?“, fragte Anna.

Doch der Junge sprach weiter, als hätte er ihre Worte nicht gehört.

„Ich habe mich gelangweilt. Die Tür nach oben stand offen. Da bin ich los und wollte nur ein wenig naschen.“

„Das kann ich gut verstehen.“ Da kam Anna ein Gedanke. „Also hast du meine Brause getrunken?“

Der Junge kicherte: „Deine Brause? Hast du sie nicht selbst aus der Küche gestohlen?“ Jetzt fühlte sich Anna ertappt. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, hüpfte der Junge vom Tisch und sagte:

„Na gut, ich gebe es zu. Ich habe DEINE Brause getrunken. Die letzte, die noch übrig war. Ich muss dir sagen, die war köstlich. Und dann auch noch dieses Brot mit dem ganzen Käse drauf! Das war so lecker! Hier gibt es immer nur Wasser und diesen ekligen Tee zu trinken.“ Anna verschränkte die Arme: „Ich habe dich hier noch nie gesehen. In welche Klasse gehst du denn?“

Der Junge machte große Augen: „Ich war mal in der 2. Klasse. Aber das ist schon eine Ewigkeit her.“

Anna grübelte: „Eine Ewigkeit? Was willst du damit sagen?“

Der Junge schüttelte sich. Dann schaute er traurig drein. „Ich habe meinen Vater verloren. Kannst du mir helfen, ihn zu finden?“

Anna zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Ich kann es gern versuchen. Aber erst einmal muss ich unbedingt etwas trinken.“

Der Junge zeigte auf das Regal: „Bitte, bediene dich.“

Anna trank eine Flasche Wasser in einem Rutsch aus und ließ einen donnernden Rülpser erschallen. Der Junge lachte und klatschte in die Hände.

„Ich denke, ich bringe dich am besten zu Frau Specht und Herr Schöner“, erklärte Anna. „Aber erst einmal müssen wir durch den dunklen Flur.“

„Du musst keine Angst haben. Papa sagt immer „Die Nacht in der das Fürchten wohnt, hat auch die Sterne und den Mond.“

Der Junge ergriff Annas Hand und zog sie hinter sich her. Die Finger des Jungen waren kalt wie Eis. Die beiden liefen so hastig den düsteren Flur entlang, dass Anna keine Zeit blieb, darüber nachzudenken.

Dann sagte der Junge: „Hier entlang. Da vorne ist die Treppe.“

Als sie die Treppe erklommen hatten, rief Anna: „Puh, geschafft. Mit dir an meiner Seite hatte ich überhaupt keine Angst mehr.“

Der Junge grinste und fragte: „Bringst du mich jetzt zu meinem Vater?“

Anna nickte und zusammen traten sie den Weg zum Personalraum an. Anna klopfte an die Tür. Frau Specht und Herr Schöner würden nicht sauer sein. Schließlich brauchte Anna ihre Hilfe. Während aus dem Personalraum die ersten Zeichen von Leben zu hören waren, kam ihr ein Gedanke.

„Sag mal, wie heißt du eigentlich?“, fragte sie.

„Ich bin Georg. Georg Heinemann.“

Anna grübelte: „Heinemann? Den Namen habe ich schon einmal…“

Frau Specht riss die Tür auf: „Oh Anna. Was ist los? Hast du schlecht geträumt?“ Während sich Herr Schöner schlaftrunken aus dem Bett quälte, setzte Anna an.

„Tut mir leid, Frau Specht, aber Georg sucht seine Eltern.“

„Frau Specht verschränkte die Arme: „Georg, welcher Georg?“

„Na der hinter mir…“. Anna schaute sich um. Doch Georg hatte sich in Luft aufgelöst.

„Soll das ein Witz sein?“, brummte Herr Schöner Anna an.

„Nein, ich schwöre. Gerade stand Georg noch hier.“

Herr Schöner ließ das Gesicht in seine Hände gleiten. Dann zeigte er Richtung Rollenspielraum: „Es ist fünf Uhr morgens. Bitte versuch noch ein wenig zu schlafen.“

Frau Specht und Herr Schöner schauten sich an und sprachen im Chor: „Keine Brause mehr zu Halloween!“

Besorgt musterte Frau Specht die verwirrte Anna: „Soll ich dich noch ins Bett begleiten?“

Doch Anna schüttelte den Kopf: „Nein, danke. Es geht schon wieder. Tut mir leid, dass ich euch geweckt habe.“

„Das ist schon in Ordnung“, sagte Frau Specht und flüsterte: „Jeder träumt mal schlecht. Herr Schöner ist vorhin auch aufgeschreckt. Er hat geträumt, die Kellertür nicht abgeschlossen zu haben.“

Ein Zucken durchzog Annas Körper.

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, drehte sich Anna um und stieg die Treppen zum Rollenspielraum hoch. Bevor sie sich wieder in ihr Bett kuscheln wollte, schaute sie zum Spielgarten hinaus. Ihre Nackenhaare sträubten sich. Hastig krabbelte sie auf das Fensterbrett – und traute ihren Augen nicht.

Draußen in der Kälte standen ein Junge und ein Mann Hand in Hand. Der Junge hob den Kopf. Dann winkte er Anna zu. Anna wollte schreien, doch konnte es nicht. Sie rannte aus dem Zimmer und nahm die Feuertreppe Richtung Garten. Der Junge und der Mann waren verschwunden. An der Stelle, an der Anna Vater und Sohn stehen sehen hatte, fiel das erste Sonnenlicht des Tages auf den Gedenkstein von Georg Heinemann.

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Henris Hütte